Eine Hand, die eine kleine Weltkugel über einem Wasserbody mit felsigem Hügel im Hintergrund hält.

Die Welt braucht keine Retter

Die Illusion der Weltverbesserung

Die Frage, wie wir die Welt verbessern können, klingt zunächst edel. Politiker, Lobbyisten und spirituelle Gruppen beschäftigen richten ihr wirken danach aus. Doch dieser Pfad ist ein Irrweg, denn eine bessere Welt kann nur das Ergebnis einer inneren Wandlung sein.

Inhaltsverzeichnis

Wer im Außen sucht, verliert das Innere

Dass die Welt ein besserer Ort wird und unsere Gesellschaft sich wandelt, das ist kein Ziel, das man aktiv durch Veränderungen im Außen herbeiführen kann. Es ist ein Ergebnis – ein Resultat einer inneren Haltung, einer Veränderung, die im Einzelnen beginnen muss.

Die Frage, wie man die Welt verbessern kann ist durchaus eine gute Frage mit edlem Ansinnen. Doch gleichzeitig richtet sich der Blick oft nur nach außen. Der Fragesteller beschäftigt sich häufig mit dem, was andere tun oder lassen sollten, statt mit den Themen, die in ihm selbst noch unklar oder ungeordnet sind.

In der Bibel findet sich bei Matthäus 7,3 folgende Aussage von Jesus:

„Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“

Dieser Satz trifft den Kern. Wir sind häufig damit beschäftigt, bei anderen das zu sehen, was uns stört oder was wir für falsch halten. Dabei übersehen wir die Baustellen, die in uns selbst liegen. Es ist leichter, über die Fehler der anderen zu sprechen, als ehrlich zu erkennen, wo wir selbst noch unehrlich und bequem sind oder unbewusst handeln.

Wenn wir wirklich die Welt verändern wollen, dann müssen wir zuerst bei uns selbst beginnen. Nicht, weil wir perfekt werden wollen, sondern weil die äußere Welt das Spiegelbild des Inneren eines jeden Menschen auf dieser Welt ist. 

Der Verstand tarnt sich als Bewusstsein

Häufig geraten Menschen, die sich für besonders bewusst oder spirituell halten, leicht in eine Form des spirituellen Egoismus. Der Verstand sagt: „Ich bin schon weiter. Ich tue Gutes. Ich bin auf dem richtigen Weg.“ Und aus dieser Haltung heraus glauben Menschen, jetzt andere bekehren zu müssen.

Doch genau hier entsteht Überheblichkeit. Diese Menschen stellen sich über andere, oft geschieht das unbewusst. Der Verstand liebt diese Rolle, denn er fühlt sich bestätigt und sagt: „Ich weiß, wie es geht. Die anderen müssen sich nur ändern.“ Es gilt stets größte Vorsicht, wenn der Verstand uns schmeichelt: „Du bist schon so bewusst, du bist schon so weit.“ In diesem Moment verlieren wir den Kontakt zur Wirklichkeit.

Echte Entwicklung geschieht sowieso nicht durch Druck von Außen, sondern durch eigene Einsicht. Sie beginnt dort, wo wir erkennen, dass wir selbst noch Schattenseiten in uns tragen, die wir überwinden wollen.

Stellen wir daher die richtigen Fragen

Die entscheidende Frage lautet nicht:

„Wie kann ich die Welt verändern?“

sondern:

„Was habe ich zu tun, um mich selbst zu verändern?“

Was kann ich lernen? Woran darf ich wachsen? Welche Muster oder Gewohnheiten halten mich fest? Wo schade ich mir oder anderen, ohne es zu merken? Wobei bin ich ungerecht? Warum reagiere ich manchmal emotional? Welche sind meine blinden Flicken?

Jeder Mensch hat eigene Themen, eigene Schwächen, eigene Lernfelder. Solange wir damit beschäftigt sind, andere zu belehren oder zu missionieren, übersehen wir unsere eigenen Schatten. Doch genau diese Schatten wirken dann in der Welt – durch uns, obwohl wir doch das Gegenteil erreichen wollten.

Darum ist Strenge gegen sich selbst geboten, statt behagliche Weichlichkeit und Nachlässigkeit.

Wir können keinen anderen Menschen verändern. Wir können keine Gesellschaft verändern. Wir können auch keine Welt verändern. Aber wir können uns selbst verändern. Und wenn sich viele Menschen selbst verändern, verändert sich die Gesellschaft von ganz allein.

Die falsche Annahme

Weiterhin setzt die Frage wie man die Welt verändern kann, die Annahme voraus, dass die Welt verändert werden muss. Es impliziert daher die Annahme, die Welt benötigt das Einwirken von uns Menschen, um erst dann richtig zu sein. 

Doch hier verbirgt sich oft die Eitelkeit, die sich selbst erheben will. Denn die Welt ist richtig wie sie ist, nur wir Menschen sind an vielen Stellen falsch abgebogen. Die Schöpfung ist vollkommen in ihrer natürlichen Ordnung, alles Weben steht im Einklang miteinander und braucht keine Anpassung. Noch weniger ist Anpassung möglich, denn etwas vollkommenes lässt sich nicht anpassen. Anderenfalls wäre es nicht vollkommen, wenn Anpassungen möglich wären.

Vielleicht ist es daher die viel bessere Idee, sich die Welt – oder sagen wir besser Natur – zum Vorbild zu machen für unser eigenes Verhalten, statt sie uns nach unserem Eigenwillen zurechtbiegen zu wollen. Im Einklang mit den Naturgesetzen zu leben wird uns das ersehnte Glück bringen.

Gute Vorbilder schaffen

Angenommen, es gäbe eine Gruppe von zehn Menschen, in der neun lügen und einer die Wahrheit spricht, dann kann dieser eine Wahrheitsliebende der keimende Same sein, aus dem die Frucht der Wahrheit auch in alle anderen Geister übergeht. Vielleicht nicht sofort, aber er pflanzt ein Samenkorn, das wachsen und gedeihen kann.

Wenn dann zwei oder drei beginnen, ebenfalls die Wahrheit zu sprechen, verändert sich die ganze Dynamik. Irgendwann kippt das Verhältnis, und auch der letzte merkt, dass es leichter ist, die Wahrheit zu sprechen, statt der Lüge zu dienen.
Das ist kein moralischer Appell, sondern ein natürliches Prinzip.

Natürlich besteht auch das Risiko, dass der eine Wahrheitssprecher in der Gruppe schwach wird und sich der Lüge hingibt. Deswegen sind Aufrichtigkeit, Beharrlichkeit und ein eiserner Wille unabdingbar, damit sich die Wahrheit und Ehrlichkeit weiter ausbreiten können.

Doch auch hier schleicht sich oft der Verstand ein, der uns eine Falle stellen will. Er sagt Sätze wie: “Ich bin die Veränderung, die ich in der Welt sehen will.” und hebt sich damit selbst auf einen Podest. Er meint vielleicht damit, er lebt nach seinen eigenen Regeln und Gesetzen, die er für richtig hält, ohne sich nach anderen zu richten. Doch ist das nicht einer der Gründe, warum wir Menschen uns überhaupt in solch einer Verwirrung befinden? Indem jeder seine eigenen Gesetze für richtig hält, gibt es keine natürliche Ordnung mehr, sondern nur noch viele Milliarden Eigenwünsche. In dieser Welt dient jeder nur sich selbst, doch nicht dem Großen Ganzen. 

Was wäre es für ein Chaos in der Natur, würde die Amsel entscheiden wie die Eule zu leben und der Fuchs wie der Igel. Nichts wäre mehr an seinem Platz, nur ein heilloses Durcheinander herrscht.

Daher ist der Wunsch, selbst die Veränderung sein zu wollen, nicht falsch, doch die Schlüsse die wir daraus ziehen, entscheiden über Heil oder Unheil. Nicht unsere eigenen Gesetzen sollten unser Vorbild sein, sondern die Gesetze der Natur, deren drei wichtigsten sind: Das Gesetz der Schwere, das Gesetz der Wechselwirkung und das Gesetz der Anziehung der Gleichart. Nur wenn wir im Einklang mit diesen natürlichen Gesetzen schwingen, dann sind wir wahre Vorbilder, die dem Lichte dienen. Nur dann dienen wir dem Schöpfer.

Innere Klarheit schafft Gemeinschaft

Veränderung geschieht nicht durch Überzeugungsarbeit, sondern durch Ausstrahlung und Vorbild. Wenn jemand in seiner Wahrheit steht, spüren das andere. Man kann es nicht überhören, nicht übersehen.

Wer das Gute, Wahre und Echte in sich kultiviert, zieht nach dem Gesetz der Anziehung der Gleichart ähnliche Menschen an und das Gesetz der Wechselwirkung kann sein Übriges tun und die einstigen Samen irgendwann zur Ernte bringen.

Wenn wir Menschen uns nach den Gesetze der Natur richten und wieder nach den Tugenden Leben, zieht unsere Art automatisch ähnliche Menschen an. Es entsteht Resonanz. Wir erkennen uns gegenseitig, und aus einzelnen Begegnungen werden Gemeinschaften. Aus diesen Gemeinschaften entsteht etwas, das man „Gesellschaft“ nennt. Das kann dann die neue Gesellschaft werden, die es gerade braucht.

In dem Moment, in dem ein Mensch Klarheit gewinnt, ist er wie ein keimender Same, der andere inspiriert. Denn er steht fest verankert in der Schöpfung, weil er allen sein Eigenwillen und angelernte Vorstellungen abgelegt hat.

Stellen wir uns eine Stadt vor, in der Menschen sich dem Licht zugewandt haben, nicht in einem kirchlichen Sinn, sondern im Bewusstsein. Menschen, die helfen, heilen, Wahrheit sprechen, sich gegenseitig unterstützen, konstruktiv denken und handeln und sich dabei stets kritisch selbst prüfen.

Die Welt wandelt sich mit dem Menschen

Die Welt wird nicht besser, weil wir sie verändern wollen. Sie wird besser, wenn wir aufhören, sie verändern zu wollen, und stattdessen beginnen, uns selbst zu wandeln.

Fragen wir also nicht:

„Wie kann ich die Welt verbessern?“

Sondern:

„Welche sind meine blinden Flecken?“

„Welche Muster und Annahmen behindern mich?“

„Welcher Irrtum wohnt noch heute in mir?“

Wie kann ich sicher sein, dass das was ich glaube, wahr ist?

In dem Moment, in dem wir ehrlich mit uns sind, werden wir zum Samen einer neuen Welt. Und dieser Samen zieht andere an, die ähnlich empfinden. So entsteht Veränderung, leise, organisch und unausweichlich.

Titelfoto: Valentin Antonucci